«Ersatzgefühle» und «authentische» Gefühle. Ist das wirklich Trauer oder Wut?

Gefühle – Wegweiser unserer Lebendigkeit

Gefühle begleiten uns ständig – sie sind wie ein innerer Kompass, der signalisiert, was uns guttut, was wir nicht möchten und wo unsere Grenzen überschritten werden. Trotzdem erleben wir im Alltag oft nicht das “authentische” Gefühl, das eigentlich passend wäre, sondern ersetzen dieses mit einem anderen Gefühl. In der Transaktionsanalyse werden solche erlernten, nicht situationsgerechte Gefühle Ersatzgefühle genannt.

Wozu Gefühle da sind

Von Beginn an verfügt jeder Mensch über die Fähigkeit, emotional zu reagieren. Körperliche Vorgänge wie Herzklopfen, Anspannung oder Erleichterung sind Ausdruck innerer Bewegung, aus denen allmählich benennbare Gefühle wie Freude, Angst, Trauer oder Wut entstehen. Diese Differenzierung und Benennung entstehen jedoch nicht von allein, sondern werden gelernt: Kinder brauchen Erwachsene, die Gefühle wahrnehmen, über die Sprache einordnen und in einen sinnvollen Zusammenhang mit Situationen und Handlungen bringen. So lernen wir, wozu ein Gefühl gut ist und welche Handlung dazu passt.

In der Transaktionsanalyse sprechen wir von “echten"/authentischen” Gefühle, wenn sie zur aktuellen Situation passen, spontan entstehen und der Regulation innerer Spannung dienen (vgl. English, 2016). Angst schützt uns vor Gefahr, Wut hilft, Grenzen zu wahren und setzen, Trauer ermöglicht Loslassen, und Freude verbindet uns mit anderen (vgl. Kessel et al., 2021). Echte Gefühle liefern Informationen, was für uns im Moment wichtig ist, und stellen die Energie bereit, etwas zu tun oder zu verändern – daher nenne ich sie gerne unseren inneren Kompass.

Wie Ersatzgefühle entstehen

Fanita English, die das Konzept der Ersatzgefühle begründet hat, beschreibt Ersatzgefühle als emotionale Reaktionen, die in Kindheit und Umfeld erlernt wurden, um Zugehörigkeit zu sichern. Wenn etwa Wut in der Familie unerwünscht ist, “ersetzt” das Kind dieses originäre Gefühl mit einem in der Familie akzeptierten Gefühl – so wird etwa Trauer statt Ärger, Wut statt Angst oder Wut statt Trauer gelebt. So bleibt das ursprüngliche Gefühl ungelebt, wird aber durch ein sozial akzeptableres ersetzt (vgl. Schlegel, 2020).

Ein Beispiel: Ein Kind, das für seine Wut kritisiert wird oder diese von den Eltern nicht ausgehalten werden kann, lernt beispielsweise Trauer zu zeigen statt Wut. Als Erwachsene reagiert die Person in ähnlichen Momenten vielleicht mit Tränen oder Rückzug, obwohl eigentlich eine Grenze überschritten wurde. Die Energie des unterdrückten Gefühls ist nicht verschwunden – es sucht sich lediglich andere Ausdrucksformen. Auch sogenannte Rackets(erlernte Verhaltensmuster) können an die Stelle echter Gefühle treten. Sie sind Strategien, die auf Beziehungserhalt abzielen, aber den authentischen Ausdruck überlagern. Auch körperliche Symptome können Ausdruck unterdrückter und unbelebter Gefühle sein (bspw. Verspannungen im Nackenbereich, Migräne, Druck im Bauch, Druck auf der Brust, etc.).

Von der Echtheit und der Passung

Viele stolpern über den Begriff „echte Gefühle“. Denn es stimmt: Was wir empfinden, erleben wir real. In der Transaktionsanylse geht es dabei weniger um „Echtheit“ im moralischen Sinn, sondern um Passung – ob das Gefühl zur inneren wie äusseren Situation stimmig ist. Ersatzgefühle sind also durchaus real, nur eben zweckentfremdete Reaktionen, die den ursprünglichen Impuls des Gefühls verschleiern.

Woran man Ersatzgefühle erkennt

  • Sie wiederholen sich wie ein Muster in ähnlichen Situationen.

  • Das Problem wird nicht gelöst, die Situation bleibt bestehen.

  • Ihre Intensität passt nicht zum Anlass – sie ist übertrieben oder zu schwach.

  • Nach dem Ausdrücken bleibt innere Spannung statt Erleichterung.

  • Andere reagieren irritiert oder hilflos, während man selbst sich unverstanden fühlt.

  • Gedankenkreisen über Situationen

  • Gefühle, die über mehrere Wochen, Monate anhalten und keine Veränderung nach sich ziehen (monatelange Trauer, Wut, etc.)

Fanita English weist darauf hin, dass Ersatzgefühle „künstlich wirken“ und sich oft stereotyp wiederholen (2016). In der Begegnung zeigt sich das daran, dass sie selten Mitgefühl auslösen – im Gegensatz zu authentischen Gefühlen, die unmittelbar Resonanz beim Gegeüber schaffen.

Wege zurück zum echten Gefühl

Ersatzgefühle sind erlernt – und damit verlernbar. Die Rückverbindung beginnt mit Beobachtung: Wann reagiere ich immer gleich? Was spüre ich im Körper? Was denke ich gleichzeitig? Hilfreich können Fragen sein wie:

  • Wenn ich alles fühlen dürfte – was läge darunter?

  • Welches Gefühl vermeide ich üblicherweise?

  • Was bräuchte dieses Gefühl als Ausdruck oder Handlung – etwa weinen, protestieren oder sich verabschieden?

  • Welche Gefühle wurden in meiner Ursprungsfamilie willkommen geheissen und gelebt, welche eher unterdruckt? Trauer, Wut, Angst, Freude, Scham?

In einem sicheren Rahmen – etwa in Beratung, Therapie, Gruppen oder vertrauten Beziehungen – kann so Schritt für Schritt der Zugang zu den echten, regulierenden Gefühlen wieder wachsen.

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